«Mich reizt, einer sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen»
Das Gespräch mit Lukas Furrer führt Staatsanwältin Sofia Zisiadis, Staatsanwältin und Ausbildungsverantwortliche am Untersuchungsamt Altstätten
Was wolltest du als Kind werden und erkennst du heute rückblickend einen roten Faden zu deiner jetzigen Tätigkeit?
Das, was wohl viele Kinder auf diese Frage antworten würden: Polizist. Nach dem roten Faden zur jetzigen Tätigkeit muss also nicht lang gesucht werden.
Was hat dich dazu bewogen, Rechtswissenschaft zu studieren? Gab es einen konkreten Auslöser?
Ich denke, es war eher ein schrittweises Hineinwachsen. Im Freundeskreis hatte ich oft die Vermittlerrolle inne. In Kombination mit meinem Berufswunsch Polizist, meinem Interesse an der Justiz und einer gewissen Tendenz hin zum 'Monk' war das Rechtsstudium dann eine logische Entscheidung.
Gab es im Studium auch Momente, in denen du gezweifelt hast, ob das der richtige Weg ist?
Ich glaube diese Frage stellt sich jedem, spätestens vor den Prüfungen.
Warum hast du dich bei der Staatsanwaltschaft beworben?
Beworben um eine Praktikumsstelle habe ich mich noch während des Studiums. Einerseits aus Interesse am Strafrecht. Zum anderen widmete ich zu dieser Zeit im Rahmen meiner Masterarbeit unzählige Stunden der Untersuchungshaft, wobei mich vor allem das Zusammenspiel der verschiedenen Strafverfolgungsbehörden von der ersten Anhaltung durch die Polizei bis hin zur Verurteilung interessierte.
Kannst du deinen bisherigen Werdegang kurz umreissen?
Im April 2022 fing ich im Untersuchungsamt Altstätten als Auditor an und bekam einen ersten vertieften Einblick in die Tätigkeit der Strafverfolgungsbehörden. Danach durfte ich meinen Weg als juristischer Mitarbeiter fortsetzen und dank staatsanwaltlicher Befugnisse bereits eigene Verfahren führen. Im Mai 2025 konnte ich das Anwaltspatent entgegennehmen und im Anschluss meine Tätigkeit im Untersuchungsamt Altstätten fortsetzen.
Inwiefern wurden deine Erwartungen während deiner praktischen Ausbildung erfüllt, übertroffen oder vielleicht auch enttäuscht?
Im Auditoriat lernte ich die Arbeitsweisen verschiedener Staatsanwälte und Staatsanwältinnen kennen und erhielt dadurch einen differenzierten Einblick in die Tätigkeit der Staatsanwaltschaft und die Zusammenarbeit mit den beteiligten Personen und Behörden, was meine Erwartungen voll erfüllte. Übertroffen wurden sie insofern, als ich bereits früh in Pikett-Einsätze involviert wurde, an Tatorte ausrücken und so das Zusammenspiel zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft auf unmittelbarere Art und Weise erleben durfte. Enttäuschend war einzig, dass für solche Abstecher in die freie Wildbahn aufgrund der hohen Arbeitsbelastung oft die Zeit fehlte. Überrascht hat mich, wie wenig wir teilweise in Kontakt mit den Verfahrensbeteiligten kommen bzw. wie akten-basiert unsere Tätigkeit doch ist.
Was reizt dich an der Rolle des Staatsanwalts besonders im Vergleich zu anderen juristischen Berufen?
Die unmittelbare Wirkung des eigenen Handelns auf die Parteien, die Möglichkeit, zwischenmenschliche und psychologische Aspekte in meine Arbeit einfliessen zu lassen, und die Gewissheit, mit (fast) jedem Arbeitstag einer sinnstiftenden Tätigkeit für die Gesellschaft nachzugehen.
Und Hand aufs Herz: Auf welchen Teil der Tätigkeit als Staatsanwalt könntest du dankend verzichten?
Auf das Protokollieren während den Einvernahmen.
Was macht deiner Ansicht nach einen guten Staatsanwalt aus? Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten sind dafür unabdingbar?
Er oder sie darf auch unter Druck das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren und muss jederzeit verantwortungsvoll mit der Macht umgehen, welche das Amt mit sich bringt. Gefordert sind Durchsetzungsvermögen, Belastbarkeit und eine pragmatische Denkweise. Vor allem aber etwas: Empathie.
Es gibt Delikte, bei denen die persönliche Distanz besonders gefordert ist. Wie gehst du damit um, wenn du mit einer beschuldigten Person konfrontiert bist, deren Tat dich menschlich stark abstösst, und wie gelingt es dir, dennoch professionell und sachlich zu bleiben?
Ich bin der festen Überzeugung, dass jede Person das Recht hat, im Strafverfahren anständig und fair behandelt zu werden. Meine Aufgabe sehe ich darin, die beschuldigte Person für ihr strafrechtlich relevantes Handeln der Verurteilung zu-zuführen und nicht, die Person als solche zu verurteilen.
Wie schaffst du es, dich von solchen Fällen auch emotional zu distanzieren?
Durch den Austausch im Amt, ein stabiles privates Umfeld und viel Zeit an der frischen Luft.
Was würdest du Studienabgängern mitgeben, die mit dem Gedanken spielen zur Staatsanwaltschaft zu gehen?
Dass der Arbeitsalltag nicht der Darstellung in diversen Filmen und Serien entspricht, die Realität aber, obwohl man mehrheitlich am Schreibtisch arbeitet, umso interessanter ist.
